Verlassen hat er diesen Ort zum ersten Mal als junger Mann, um als Knecht auf einem großen Bauernhof in Vincenzenbronn zu arbeiten, wo er seine Frau Anna kennenlernte. Noch bis zum letzten Jahr besuchte er diesen Ort und Familie Bogendörfer im Sommer zur Kirchweih. Ein weiteres Mal verließ er Obermichelbach, um wie viele andere seiner Generation im Jahr 1939 Soldat zu werden. Nach dem Ende des Krieges und nach einjähriger Kriegsgefangenschaft kam er hier her zurück, um als Landwirt den Hof seiner Eltern zu übernehmen und um das Handwerk des Schuhmachers zu erlernen, welches bereits sein Vater ausgeübt hatte. Während er seine Landwirtschaft schon vor über 15 Jahren aufgegeben hat, hat er noch bis zu seinem letzten Tag als Schuhmachermeister gearbeitet.
Seine Verbundenheit mit seinem Heimatort zeigte sich nicht nur darin, dass es ihn nicht von hier fortgezogen hat, sondern auch darin, dass er 24 Jahre Mitglied des Gemeinderates war – ein Amt das er immer gewissenhaft und mit viel Fleiß ausgefüllt hat und in dem ihm viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Auch nach seiner Amtszeit hat er immer aktiv am Leben im Dorf teilgenommen, zuletzt im Altenkreis und beim allwöchentlichen Schafkopfspielen.
Unser Vater, Großvater und Urgroßvater konnte auf ein langes Leben zurückblicken und es ist fast nicht möglich alle einzelnen Stationen aufzuzählen. Er hatte ein Leben, das sicher nicht immer ein leichtes war, eines, das geprägt war davon zu arbeiten, etwas zu leisten, zu schaffen und auszuhalten. Aber auch auf eines im Kreise einer großen Familie, umgeben von vielen Menschen, die ihn geschätzt und geliebt haben und die heute von ihm Abschied nehmen müssen. Sein Leben stand zu Beginn des Lebens derer, die am Sonntagabend und in den nächsten Tagen zusammengekommen sind, um um ihn zu trauern. Derjenige, durch den wir alle miteinander verbunden sind, ist nun gegangen und es ist wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns erinnern sollen, was in uns von ihm weiterlebt, was er uns mitgegeben hat. Ich selbst kann nur von mir erzählen, doch vielleicht findet ihr eure Gedanken auch in meinen wieder.
Wenn ich darüber nachdenke, was meinen Großvater in meinen Augen ausgezeichnet hat, dann denke ich vor allem anderen daran, dass er bis zuletzt gearbeitet hat und all das, was er noch selbst tun konnte, getan hat, wenngleich oft unter Mühen. Er ist spazieren gegangen, obwohl ihm das Laufen immer schwerer fiel, er hat seinen Hof gekehrt, obwohl er es einem anderen hätte auftragen können. Und er hat seine Werkstatt betrieben und ist jeden Sonntag losgezogen, um Schuhe auszuliefern und Kartoffeln zu verkaufen, obwohl er auch ohne diesen Verdienst gut hätte leben können. Er hat sich immer seinen Lebenswillen erhalten, er hat vor nichts kampflos aufgegeben und sein Leben sinnvoll gefüllt und wertvoll gemacht, hat es bis zuletzt selbst gestaltet und in die Hand genommen. Und trotzdem er sicher schon viel Leid erfahren hat, trotzdem er all seine Geschwister, seine Frau und viele Freunde hat gehen sehen und vor allem in den letzten Jahren jeden Tag Schmerzen gehabt haben muss, allein weil sein Rücken gelitten hat unter der Last der schweren Arbeit, die er früher verrichtet hat, habe ich nie ein Wort der Klage von ihm vernommen. Er wusste die Dinge, die unabänderlich sind anzunehmen und sich auf das zu konzentrieren, was in seiner Hand lag.
Zudem war er ein Mensch, der in vielen Belangen in Bescheidenheit gelebt hat, obwohl es nicht zwingend notwendig gewesen wäre. Nicht nur, dass er den Dingen noch anderen Wert beimaß – anders, als es unsere Generation tut - und nichts weggeworfen hat, wenn es in seinen Augen noch brauchbar schien. Auch daran, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, jeden Tag zu Essen zu haben und in Sicherheit leben zu können, hat er erinnert – zwar selten in Worten, dafür tagtäglich in seiner Art zu leben. Er wusste das Wesentliche wert zu schätzen. Und er war immer darum bemüht das, was er an seinem Leben gespart hat, an seine Kinder und Enkelkinder weiter zu geben.
Ich bin mir sicher, dass er wie wir dankbar war, dass es ihm möglich war, so lange seine Eigenständigkeit und seine geistigen Fähigkeiten zu behalten und von seiner Familie jeden Tag so gut umsorgt zu werden.
Wenn ich in die Gesichter derer sehe, die jetzt um ihn weinen, weiß ich, dass jeder von uns weiß, wie viel ihm an uns lag, auch wenn er es nicht zu sagen wusste und dass ihn ein jeder von uns sehr geschätzt hat. Es wird noch viele weitere Dinge geben, die von ihm in uns weiterleben, manche, die wir uns vor Augen führen und manche, um die wir gar nicht wissen. Er wird immer in unserer Mitte bleiben, in den großen und kleinen Dingen, er wird uns fehlen und wir werden oft an ihn denken, nicht zuletzt, wenn irgendwo „gekartelt“ wird oder die Schuhe Löcher haben.
Im Gedenken an ihn bleiben auch wir alle auf immer miteinander verbunden.
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