Irgendwie fühlt man sich seltsam leer, wenn jemand geht. Das heißt viel mehr: Ich fühle mich seltsam leer. Der Schmerz ist nicht so groß, es zieht nicht arg schlimm im Herzen, es ist nicht leicht, aber auch nicht schwer ihn gehen zu lassen. Nach einem so langen Leben auf diese Art und Weise zu sterben hat nichts tragisches, dramatisches. Es ist mehr so, als sei eine Kerze erloschen.
Die Leere in einem schafft auch Platz für Gedanken. Unweigerlich wird man an Wesentliches erinnert, sinnt nach über größere Zusammenhänge. Was mich beschäftigt ist der Rückblick auf ein ganzes Leben - ein bisschen fühlt es sich an, als ob ein Film zu Ende gegangen ist, nur dass es kein Film war.
Ich habe das Gefühl, dass es ein Leben war, dass sich von unseren unterscheidet, weil es großes Leid ertragen hat und weil es sich fügen musste in etwas, das vorgegeben war. Und vielleicht auch, weil es in sich so abgeschlossen und konstant scheint. Mein Großvater ist nicht etwa Schuhmacher geworden, weil es seinen Neigungen entsprach. Er ist nicht Landwirt geworden, weil das sein Lebenstraum war. Sein Vater, zwei Brüder seines Vaters und sein Großvater waren bereits Schuhmacher, ich bin mir nicht sicher, ob er gefragt wurde, ob er es auch werden will. Genauso war sein Vater auch Landwirt, er hat seinen Hof übernommen. Ich stelle mir das ein bisschen vor, wie eine arrangierte Heirat, man gewöhnt sich aneinander und lernt sich vielleicht auch zu lieben. Am Ende hat er seinen Beruf geliebt, er hat seinem Leben weiter Sinn und Wert gegeben. Heute scheint mir das alles anders zu sein, jeder, den ich kenne - ich nehme mich selbst nicht aus - strebt nach größtmöglicher Freiheit und die Entscheidung zu einem Lebensweg, den man einmal eingeschlagen nicht wieder zurückgehen kann, fällt wohl jedem schwer. Sich in sein "Schicksal" zu fügen, sich den Umständen anzupassen, etwas erst lieben lernen zu müssen, weil es nicht zu ändern ist, kommt vielleicht seltener vor. Die Welt steht einem offen.
Was wir auch nicht mehr kennen lernen - und es ist wohl ein großes Glück - ist, am eigenen Leib zu spüren, was unsere Existenz ausmacht. Einer der häufigsten Sätze, den mein Großvater gesagt hat, war "Gehungert habe ich in meinem Leben schon genug." Weil man mit sechs hungrigen Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof nicht im Überfluss gelebt hat, weil man als Soldat an der Front zu wenig zu Essen bekommen hat, weil man als Kriegsgefangener nichts mehr wert war. Mein Großvater hätte sicher mit Viktor Frankl übereingestimmt: So lange man einen Sinn im Leben findet, übersteht man vieles an Leid. Mein Großvater war erst Anfang zwanzig, so alt wie ich, als er aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurück kam. Dem größten Teil seines Lebens ging die Leiderfahrung voraus. Weder ich, noch meine Mutter haben ihn jemals Klagen gehört. Ich finde das bewundernswert, sehr.
Ich frage mich, was in mir von diesem Leben nachwirkt. Direkt und indirekt. Manches kann ich mir bewusst machen, kann es ansehen und versuchen mir ein Beispiel zu nehmen. Manches sitzt vielleicht einfach ganz tief in mir. Mein Großvater konnte zum Beispiel nicht aussprechen, was er gefühlt hat. Er war nie besonders herzlich oder lieb, nicht so, wie man sich einen Großvater vorstellt oder wünscht. Er hat nie gesagt, dass er jemanden lieb hat, ich kann mich nicht erinnern jemals auf seinem Schoß gesessen zu haben oder von ihm geküsst worden zu sein. Wenn man ihn aber umarmt hat, zu seinem Geburtstag, zu Weihnachten oder bevor man eine Reise angetreten hat, hatte er sofort Tränen in den Augen. Manchmal fühle ich mich ähnlich, dass das Fühlen zu stark ist, dass man lieber rau ist und schroff, weil man sonst so verletzbar ist. Denkend kann man lernen, es anders zu machen. Dazu hatte er vielleicht nie die Chance. Ich frage mich, was außer dem von diesem Leben noch in mir nachwirkt.
Vielleicht auch die Verbundenheit mit der Gegend, der Wunsch hier zu bleiben? Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, hätte ich am Sonntag nicht da sein können. Es war mir so wichtig ihn noch einmal zu sehen und es war ein so schönes Gefühl, dass all die Menschen da waren, die ihn geliebt haben. Keinen von uns hat es in die Welt gezogen. Ich habe seit langem zum ersten mal wieder die Verbundenheit gespürt, die in dieser Familie herrscht, wo ich mich doch immer wieder fremd unter ihnen fühle...
Die Leere in einem schafft auch Platz für Gedanken. Unweigerlich wird man an Wesentliches erinnert, sinnt nach über größere Zusammenhänge. Was mich beschäftigt ist der Rückblick auf ein ganzes Leben - ein bisschen fühlt es sich an, als ob ein Film zu Ende gegangen ist, nur dass es kein Film war.
Ich habe das Gefühl, dass es ein Leben war, dass sich von unseren unterscheidet, weil es großes Leid ertragen hat und weil es sich fügen musste in etwas, das vorgegeben war. Und vielleicht auch, weil es in sich so abgeschlossen und konstant scheint. Mein Großvater ist nicht etwa Schuhmacher geworden, weil es seinen Neigungen entsprach. Er ist nicht Landwirt geworden, weil das sein Lebenstraum war. Sein Vater, zwei Brüder seines Vaters und sein Großvater waren bereits Schuhmacher, ich bin mir nicht sicher, ob er gefragt wurde, ob er es auch werden will. Genauso war sein Vater auch Landwirt, er hat seinen Hof übernommen. Ich stelle mir das ein bisschen vor, wie eine arrangierte Heirat, man gewöhnt sich aneinander und lernt sich vielleicht auch zu lieben. Am Ende hat er seinen Beruf geliebt, er hat seinem Leben weiter Sinn und Wert gegeben. Heute scheint mir das alles anders zu sein, jeder, den ich kenne - ich nehme mich selbst nicht aus - strebt nach größtmöglicher Freiheit und die Entscheidung zu einem Lebensweg, den man einmal eingeschlagen nicht wieder zurückgehen kann, fällt wohl jedem schwer. Sich in sein "Schicksal" zu fügen, sich den Umständen anzupassen, etwas erst lieben lernen zu müssen, weil es nicht zu ändern ist, kommt vielleicht seltener vor. Die Welt steht einem offen.
Was wir auch nicht mehr kennen lernen - und es ist wohl ein großes Glück - ist, am eigenen Leib zu spüren, was unsere Existenz ausmacht. Einer der häufigsten Sätze, den mein Großvater gesagt hat, war "Gehungert habe ich in meinem Leben schon genug." Weil man mit sechs hungrigen Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof nicht im Überfluss gelebt hat, weil man als Soldat an der Front zu wenig zu Essen bekommen hat, weil man als Kriegsgefangener nichts mehr wert war. Mein Großvater hätte sicher mit Viktor Frankl übereingestimmt: So lange man einen Sinn im Leben findet, übersteht man vieles an Leid. Mein Großvater war erst Anfang zwanzig, so alt wie ich, als er aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurück kam. Dem größten Teil seines Lebens ging die Leiderfahrung voraus. Weder ich, noch meine Mutter haben ihn jemals Klagen gehört. Ich finde das bewundernswert, sehr.
Ich frage mich, was in mir von diesem Leben nachwirkt. Direkt und indirekt. Manches kann ich mir bewusst machen, kann es ansehen und versuchen mir ein Beispiel zu nehmen. Manches sitzt vielleicht einfach ganz tief in mir. Mein Großvater konnte zum Beispiel nicht aussprechen, was er gefühlt hat. Er war nie besonders herzlich oder lieb, nicht so, wie man sich einen Großvater vorstellt oder wünscht. Er hat nie gesagt, dass er jemanden lieb hat, ich kann mich nicht erinnern jemals auf seinem Schoß gesessen zu haben oder von ihm geküsst worden zu sein. Wenn man ihn aber umarmt hat, zu seinem Geburtstag, zu Weihnachten oder bevor man eine Reise angetreten hat, hatte er sofort Tränen in den Augen. Manchmal fühle ich mich ähnlich, dass das Fühlen zu stark ist, dass man lieber rau ist und schroff, weil man sonst so verletzbar ist. Denkend kann man lernen, es anders zu machen. Dazu hatte er vielleicht nie die Chance. Ich frage mich, was außer dem von diesem Leben noch in mir nachwirkt.
Vielleicht auch die Verbundenheit mit der Gegend, der Wunsch hier zu bleiben? Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, hätte ich am Sonntag nicht da sein können. Es war mir so wichtig ihn noch einmal zu sehen und es war ein so schönes Gefühl, dass all die Menschen da waren, die ihn geliebt haben. Keinen von uns hat es in die Welt gezogen. Ich habe seit langem zum ersten mal wieder die Verbundenheit gespürt, die in dieser Familie herrscht, wo ich mich doch immer wieder fremd unter ihnen fühle...
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