Mittwoch, 26. Oktober 2011

eine Variante der Absurdität


oder: Nachts im Jagd- und Fischereimuseum

Wie konnte ich in meinem zarten Alter nur einen Moment lang denken, nicht jederzeit darauf gefasst sein zu müssen, dass die nächste Seltsamheit direkt um die Ecke biegt. Und wie konnte es passieren, dass ich nicht eine Sekunde über das nachgedacht habe, was mich in einem Jagdmuseum erwarten würde?

Nun ist ein solches Museum nicht gerade ein beliebtes Ausflugsziel für den bekennenden Vegetarier - es gab natürlich einen speziellen Grund, aus dem ich mit Stefan am Dienstagabend dort zu Gast war. Ein Freund von ihm stellte dort zum ersten Mal seine Bilder aus. Sehr schöne schwarz-weiß Fotografien von Bäumen, Feldern und... Hochständen. Zwar haben die Bilder letzten Endes wenig mit der Jagd an sich zu tun - aber anscheinend wurde dort das richtige Publikum erwartet. Und das kam dann auch.

Wir hatten das unzweifelhafte Vergnügen, Bekanntschaft mit der neuen alten Münchner Jäger-Avantgarde zu machen. Hellblaue Cordhosen zu roten Wollstrümpfen im Lederschuh; Überdimensionierte Hornknöpfe am Trachtenjanker; Lederstiefel (offene Schnürsenkel) zu engen Hosen, Jackett mit Lederflicken am Ellbogen, Halstuch im Hemdausschnitt... Das alles in einer ehemaligen Augustinerkirche (Stuck so weit das Auge reicht; selbst der Abstand vom eingezogenen Zwischenboden bis zur Decke beträgt ca. 6 Meter), überquellend mit Hirschgeweihen verziert, aneinandergereihte dunkle Ölbilder, ausschließlich Jagdszenen oder wahlweise auch schon tote Tiere.

Ankunft: 19 Uhr. Das Hornensemble setzt gerade zu so etwas wie einem Einzugsmarsch an. Wir eilen die knarzende Treppe hinauf. Grußworte, Grußworte, Grußworte. Hornensemble. Hornensemble. Herbert (der "Künstler") erzählt vom Fotografieren, Herumirren mit dem Auto (von der Autobahn aus einen Hochstand gesichtet und ihn dann nicht mehr gefunden - am Ende stellt sich heraus, das Auto ist ein Porsche...), Herumirren im Wald, Angst vor Wildschweinen (allgemeines Gelächter), bisschen Augenzwinkern, übermäßiger Gebrauch des Wortes "quasi". Applaus und wieder: Hornensemble. Die haben anscheinend geduldige Lungen. Dann: Auftritt der "Kuratorin". Hochtrabende Worte, Pathetik pur. Zweifelhafter Vergleich mit der "Düsseldorfer Schule" (Die hatten eine Struktur, Herbert wohl nicht - ist das ein Kompliment?). Ein paar Namen fallen lassen und zum Schluss die deutliche Aufforderung, man brauche Geld um ein Buch drucken zu können - ist das geschickt? Letztes Aufbäumen des Hornensembles. Gang durch die Ausstellung und Buffett (ungünstig für den Vegetarier, wir sind ja unter Jägern, da muss man sich auf die Getränke konzentrieren).

Den Abend verbringen wir höchst amüsant am Stehtisch mit zwei Redakteuren vom Donaukurier. Die Auswahl fiel nicht schwer: Es waren die einzige beiden, die wie aus unserer Welt aussahen. Neben den Architekturstudenten, aber die waren bereits damit beschäftigt sich um ihren Professor zu scharen. Nach dem Genuss aller vorhandenen Käsestangen und jeweils vier Gläsern Sekt/Weißwein, waren wir voll informiert über die Gäste des Abends und die Kontroversen in der Jägerschaft. Einer der Redakteure entpuppte sich als Jagdscheinbesitzer, den er prompt auch noch aus seinem Jackett zieht. Sieht aus wie aus den 30ern, passend mit schwarz-weiß Passbild und handschriftlich ausgefüllt ist er auch noch - obwohl aus dem Jahr 99. Gegensätze des traditionellen und des ökologischen Jagdverständnisses werden erläutert, auf weißhaarige, grünbefrackte Herren gedeutet: Das ist einer von den ganz konservativen, kommt auf die Jagdscheinseminare und bringt alle auf Linie. Und der da, das ist einer von den Vernünftigen. Der gute kapiert lange nicht, dass er da mit der absoluten Jagdgegnerin spricht. Als er's dann versteht (ich hab nichts gesagt), fängt er auch noch an sich rauszureden... (ich sag immer noch nichts, das flüssige Buffett macht's.)

Darüber leeren sich langsam die heiligen Hallen, nur die ganz Geschwätzigen bleiben: Wir, die Redakteure, der Mann des Abends, seine Kuratorin, ihr schmaler Begleiter und der Blondie mit dem schicken Tuch um den Hals. Dann entbrennt die große Diskussion über die allgegenwärtigen Ölbilder: Ob dieser oder jener Italiener, der hinge ja übrigens auch im Louvre und da nicht in den kleinen Räumen. Nebenbei schütte ich Herbert mein fünftes Glas Sekt über die Hose und wir können nicht an uns halten über das aufgeblasene Gerede. Zum Glück wurde die Ironie erfunden, wie sollte man sonst solche Situationen überstehen?

Schließlich sind auch die letzten gegangen. Die Kuratorin verabschiedet sich, morgen der Artikel in der Süddeutschen, einer in der nächsten Ausgabe der "Pirsch" (die kauf ich mir!) und überhaupt ganz viele wichtige Kontakte geknüpft. Kaum ist sie zur Tür raus, wird sie auch schon Dampfplauderin genannt. Der Verlag, von dem sie geschickt wurde sagte am Ende "wir bleiben in Kontakt" und hatte sich seit dem Frühjahr nicht gemeldet. Ein fettes Honorar wird sie wohl auch noch verlangen. Und das Buffett und überhaupt alles drum und dran war aus eigener Tasche bezahlt. Seltsame Welt....

Wir stecken noch ein paar Postkarten ein und machen uns davon, irgendwann reicht's ja auch mal. Mit Stefans Freund Stephan (wirklich) auf zum besten Griechen in München - auf die Anstrengung erst mal eine vegetarische Vorspeisenplatte. Von da an hätte eigentlich alles ganz normal weiter gehen können. Der obligatorische Ouzo zum Abschied, dann noch ein bisschen durch den Regen und ab ins Bett. War ja auch genug für einen Abend. Aber wenn's dick kommt, dann richtig.

Die zweite Runde Ouzo wird vom Chef persönlich geliefert. Verdammt guter Trick. Der wusste genau, dass wir die Jacken noch mal ausziehen müssen und uns zu ihm setzen. Und dann legt er auch schon richtig los, ohne große Umschweife (seit 30 Jahren ist er in Deutschland und seitdem gibt es die Wirtschaft). Ob wir wüssten, wie man unsere Kanzlerin in Griechenland nennt? Das. Was? Das. Das Merkel. Ist ja keine Frau. Ist auch kein Mann. Ist ein, wie nennt man das? Neutrum. Genau. Oder, jetzt mal ehrlich, ist doch keine Frau? Und ein Mann ist es auch nicht. Weiß man gar nicht, was man damit anfangen soll. Und jetzt soll man sich doch mal überlegen... Abgründe tun sich auf. Ich versuche mich unsichtbar zu machen und mache die Augen zu. Als ist sie wieder öffne schreibt Stefan gerade mit seinem Finger Buchstaben auf mein Bein: a-b-s-u-r-d. Stephan wiederum schlägt sich tapfer: Halb nickend, halb verzweifelt. Was soll man da auch noch sagen. Europapolitik und sexuell unbefriedigte Kanzlerinnen. (Geht ja auch nicht, keine Frau, kein Mann usw.) Augen schnell wieder zu. Und endlich, die Erlösung, wir dürfen gehen. Schnell die Jacken an und... die dritte Runde Ouzo. Und es geht von vorne los. Muss man sich aber schon mal überlegen: Machowelt und nicht hauptsächlich attraktive Frauen in Machtpositionen. Scheint ganz schön ins Gewicht zu gehen. Eine der klassischen jetzt-pass-mal-auf-was-du-sagst-Situationen. Wenn man sich sicher wäre, dass man jemanden nicht wieder sehen muss oder ihm zumindest aus dem Weg gehen kann, dann sagt man ja schnell mal, was man alles krumm findet an verschiedenen Meinungen. Aber wenn er drei Häuser weiter wohnt (zumindest von Stephan), wird das schwerer. Irgendwie haben wir uns dann doch rausgemogelt. Ich glaube, ich hatte sogar zum Widerspruch angesetzt. Aber wen wundert, dass das nicht ankam?

Der Heimweg war zum Glück so kurz, dass keine Zeit für weitere Seltsamkeiten blieb. Die Welt ist halt doch ein Zoo.


Nachtrag: Die Bilder kann man sich natürlich auch im Internet ansehen. Also für die, die sich den Ausflug ins Museum ersparen möchten: Es lohnt sich!

2 Kommentare:

  1. herrlich. mucho me gusta, verdad. du schreibst sehr angenehm. ich wuerde gerne dich meinen blog weiterschreiben lassen. deal?! -chrissi

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  2. hehe, und dann denke ich mir Geschichten aus, die du erleben musst! Kannst du das wollen? :)

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